
INTRO
Eiko
Das Klingeln der Mikrowelle riss Eikos Gehirn aus dem Leerlauf. Selena, den Kopf in ihren Armen auf der Tischplatte vergraben, war leicht zusammengezuckt. Dann tastete sie mit der Hand nach dem Kasten und öffnete ihn. Danach döste sie weiter, ohne den Teller rauszunehmen. Eiko blickte auf die dunkelrote Himbeersosse auf dem Rindfleisch. Klar. Sie war ein Vampir. Eigentlich ass sie nachts. Und das schien sich nicht damit zu vertragen, dass sie inzwischen einen ziemlich gewöhnlichen Schlafrhythmus hatte.
Er stand auf und stieg vorsichtig durch das von den Vorhängen orange angefärbte Wohnzimmer. Dass die Woche fast zu Ende war, war am Chaos leicht zu erkennen. Die Putzfrau kam immer nur montags. Mitten im Zimmer war ein Nest aus Matratzen, Decken und Kabeln entstanden. Etwa ein Dutzend Leute schliefen hier kreuz und quer. Eine Vase, die niemand vermissen würde, lag in Scherben auf dem Boden.
Aus dem Badezimmer hörte er jemanden fluchen. Er balancierte durch das Zimmer und trat auf die kalten Kacheln. Vor dem Spiegelschrank versuchte ein Mädchen, dass er noch nie gesehen hatte, sich zu schminken.
„Hey.“
„Hey.“
Sie warf ihm einen kurzen Blick über den Spiegel zu, dann widmete sie sich wieder ihren eigenen nervösen Augen und setzte eine Kontaktlinse ein.
„Alles in Ordnung?“
„Ja, ja…“
Sie band sich schnell die Haare zusammen. Dann warf sie ihre ausgebreiteten Schminkutensilien zurück in ihr Necessaire. Trotz Make-up sah sie aus, als hätte sie nicht viel geschlafen. Ohne sich zu verabschieden verliess sie das Badezimmer. Ein paar Sekunden später hörte er die Eingangstür knallen.
Missmutig sah Eiko sich im Spiegel an. Mit den langen Haaren sah er schon aus wie sein Vater. Und genau wie dieser hatte er schon keine Ahnung mehr, wer hier ein und aus ging. Selena tauchte hinter ihm auf und trat neben ihn. Sie griff zielstrebig nach einer der vielen Zahnbürsten und strich etwas von Eikos Zahnpaste darauf. Er machte es ihr nach.
Sie putzten wortlos.
Ihre Zähne waren schneeweiss. Hatte sie sie gebleicht? Er erinnerte sich noch gut, wie er sie vor ein paar Wochen kennengelernt hatte. Damals waren ihm vor allem ihre gelblichen Zähne aufgefallen, die überhaupt nicht zu ihrem ansonsten eleganten Auftreten passten. Später am Abend hatten dieselben Zähne ihn dann blutig angegrinst, als er sie in einem der Schlafzimmer über einem völlig Zugedröhnten überrascht hatte. Aber sie war nicht gefährlich. Sie hatte sich entschuldigt und erklärt. Sie würde nie so viel Blut saugen, dass ihre Opfer gross Auswirkungen davon spürten.
Eiko hatte vorher nie mit einem Vampir zu tun gehabt. Er wusste nur, dass sie grösstenteils im Nachtbezirk in Unterstadt lebten. Und damit wohl wie die anderen Unterstädter etwas getrennt von Oberstadt.
Sie warf einen spöttischen Blick über den Spiegel zu ihm und Eiko merkte, dass er sie anstarrte.
„Was?“, fragte sie. „Hast du dich verliebt?“
Er sah wieder sein Spiegelbild an.
„Brauchst du ein leichtes Opfer, dass du aussaugen kannst?“
„Nö. Also, oder… war das ein Angebot?“
„Nein.“
Sie lachte.
Dann meinte sie zu ihrem Spiegelbild: „Ich habe schon eine Weile niemand mehr gebissen.“
Sie spuckte aus und verliess das Badezimmer wieder. Aus dem Korridor hörte Eiko sie zurückrufen: „Apropos aussaugen: Kann ich mir nochmal was leihen?“
„Sicher“, sagte er laut.
„Ich nehme es aus deinem Portemonnaie.“
„Klar.“
Er sah aus dem Fenster zu den neuen Nachbarn rüber. Der Garten sah jetzt schon besser aus als ihrer. Vorher waren beide nur um die Wette verwildert. Ein Paar mit einer Tochter in seinem Alter war eingezogen.
Lisa. Er hatte sie eigentlich zu der Party eingeladen, als er sie beim Umzug getroffen hatte. Aber sie war nicht gekommen.
Sein Handy summte auf. Jasper hatte geschrieben.
„Kommst du?“
—
Laute elektronische Musik schallte durch den Raum und Bass liess den Boden zittern. Jasper lebte in einer eigenen kleinen Wohnung, die ein Anbau an das Haus seiner Eltern war. Gerade sass er am Computer. Die Musik war vermutlich von ihm selbst produziert. Eiko setzte sich neben ihn in einen Sessel vor der Spielkonsole. Jasper drehte die Lautstärke runter und grinste.
„Geil, was?“
Eiko nickte. Was Jasper hier an musikalischem Equipment herumstehen hatte, war praktisch ein eigenes Studio. Dabei war seine Begeisterung für Musik noch gar nicht so alt. Aber er begann häufig solche Projekte. Für ein paar Wochen. Eiko schaltete die Konsole ein und kurz darauf liess sich Jasper neben ihn fallen.
„Bist du jetzt eigentlich dabei bei dem Trip, den die anderen planen?“
„Weiss nicht…“, murmelte Eiko.
Es war Tradition in Oberstadt, nach der Schule eine Weile ausserhalb der Stadtmauern zu verbringen. Die anderen hatten gestern von einem gepanzerten Bus geredet und von einer Route durch Anderland. Einer hatte sogar schon eine Maschinenpistole vorgezeigt, die er mitnehmen wollte. Sie planten, bis Ende Herbst unterwegs zu sein, immer der grossen Autobahn entlang. Aber eigentlich war eine ziemlich dekadente Tradition. Er ballerte Jasper in den Rücken und dieser schnaubte. Schnell ging er hinter einer Barrikade in Deckung und lud nach.
„Keine Lust?“, fragte Jasper.
Eiko zuckte mit den Schultern und wechselte auf die Schrotflinte. Er wusste, dass Jasper Lust hatte, aber natürlich nicht konnte.
Jasper nickte vor sich hin. Dann fragte er: „Was ist eigentlich mit der neuen Nachbarin, die du eingeladen hast? Was von ihr gehört?“
Eiko schüttelte den Kopf. Immer noch nicht. Obwohl sie gewirkt hatte, als hätte sie sich über die Einladung gefreut. Sehr sogar. Und scheu hatte sie auch nicht gewirkt.
„Geh doch mal rüber und frag sie, warum sie nicht gekommen ist.“
—
Eiko blickte die Fassade vor der Eingangstüre hoch. All die Jahre war das Ding leer gestanden. Eine Kuriosität in Oberstadt, wo die Grundstückspreise seit Jahren immer nur stiegen. Als dann letzte Woche eine kleine Flotte von Umzugswagen vor der alten Villa parkiert hatte, hatte Eiko zum ersten Mal beobachten können, wie das Gittertor zu dem von einer verwilderten Hecke umrahmten Grundstück geöffnet wurde.
An der Tür war bereits ein neues Namensschildchen: ‚Casaulta‘, stand da.
Lisa Casaulta war also ihr Name.
Er klingelte.
Langsame Schritte knarrten im Innern. Ein Riese im Unterhemd öffnete.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
„Guten Tag. Mein Name ist Eiko. Ich wohne nebenan.“
Er streckte dem Riesen die Hand hin und dieser drückte sie mit festem Griff.
„Benjamin. Angenehm.“
„Ich suche Lisa. Ist sie Zuhause?“
Der Riese taxierte ihn.
„Sie ist gerade beschäftigt.“
„Okay. Können Sie ihr Bescheid geben, dass ich hier war?“
„Ich richte es ihr aus“, nickte der Hüne und zog die Türe zu.
„Einen schönen Abend.“
Die Tür klickte. Nicht ganz zufrieden lief er wieder Richtung Tor und warf dann einen Blick zurück. Die Sonne verschwand hinter dem Haus.
Da stand jemand. Hinter dem zentralen Fenster im ersten Stock.
Die Gestalt musste ihn sehen.
Er hob die Hand und winkte. War das Lisa?
Die Gestalt winkte langsam zurück, dann klappten plötzlich die Jalousien um und verdeckten das Fenster.